Dienstag, 03.01.2006
Liberalismus [1]
Vielleicht sollte ich kurz erklären, wie ich dazu kam. Ich bin 1989, am Ende der DDR-Zeit, mit vielen anderen Bürgern für die demokratischen Werte auf die Straße gegangen, die ich heute als liberale Werte einordnen würde:
- für eine echte Gewaltenteilung,
- für demokratische Wahlen,
- für das Leistungsprinzip in der Wirtschaft,
- für die damals in der DDR fehlenden Grundrechte.
Wir wussten, offen gesagt, sehr wenig über die Vordenker und Theorien des Liberalismus. Wir wollten die DDR nicht verlassen, sondern diese Werte auch bei uns verwirklichen.
Ich möchte noch einmal aus Fausts "Vision" zitieren und vielleicht in ein paar Worten erklären, warum ich die Rückbesinnung auf liberale Werte als wichtigen Teil der Lösung unserer Probleme sehe:
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär' das Höchsterrungene.
Man kann vielleicht darüber streiten, wie tief wir in diesem Sumpf stecken, aber wir werden uns möglichst bald daraus befreien müssen. Denn die Sicherheit wird uns in jedem Fall verloren gehen. Durch Leistung und durch freiere Entfaltung der Kräfte können wir uns aber neue Chancen erarbeiten:
Eröffn' ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neusten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Zweifellos wird die Konkurrenz durch die Globalisierung immer härter. Deshalb ist, als weiterer liberaler Wert, ein praktischer und freiwilliger Gemeinsinn notwendig. Gemeinsinn ist aber eine Anforderung an Starke und Schwache, weil die Schwachen niemals dadurch gestärkt werden können, dass man die Starken schwächt:
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,
Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen.
Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Vorläufiges Fazit: Unsere Freiheit wird in Zukunft immer mehr an unsere Leistung gebunden sein. Das Leistungsprinzip muss wieder stärker im Bewusstsein verankert werden.
[to be continued]
[Edited (04.01.)] Ich gehe jetzt arbeiten und komme heute sehr spät nach Hause. Allen Lesern, die bis hierher durchgehalten haben, wünsche ich einen erfolgreichen Tag :-)
Kommentare
Ich greife dann mal auf...
"Unsere Freiheit wird in Zukunft immer mehr an unsere Leistung gebunden sein."
Das lässt sich kaum bestreiten, und ich würde diese Beziehung auch zu einer wechselseitigen erklären. Nur wer frei ist, kann auch wirklich das leisten, wozu er am besten im Stande ist, und nur wer bereit ist, sein Leben grundsätzlich auf eigener Leistung aufzubauen, kann wirklich frei sein.
Liberale wenden sich daher gegen die Einschränkung der Freiheit des Individuums. Wer darin nur die Abschaffung von Staat erkennen kann, hat sich entweder nur sehr wenig mit dem Liberalismus beschäftigt oder hat andere politische Interessen.
Nun könnte man argumentieren, dass unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich frei seien, und dass der Staat einspringen müsse, um diese Unterschiede zu beseitigen. Dieses Argument hat seine Berechtigung, ist aber auch gleichzeitig das Einfallstor für freiheitsfeindliches Sozialingenieurwesen, das versucht, eine Gesellschaft nach seinem Idealbild zu formen. Für grundlegende Fragen der Chancengleichheit, also dem Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung, sollte es aber zutreffen.
Eine andere Frage ist der Fall der armen Verkäuferin im Beispiel von Dean, die es nicht wagt, einer Interessenvertretung beizutreten, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten muss. Bevor der Liberale hier wieder den guten Vater Staat per Mausklick eingreifen lässt, stellt er sich eine ganz andere Frage:
Warum muss eine Verkäuferin in einem freien Arbeitsmarkt Angst um ihren "Arbeitsplatz" haben? Gibt es keine anderen Nachfrager für ihre Arbeitsleistung, haben wir also eine Form von Monopolbildung? Wie kommt die zustande? Oder zahlt ihr der gegenwärtige Arbeitgeber ein Gehalt, das über dem Marktpreis liegt?
Es kann je nach tatsächlicher Situation unterschiedliche Antworten auf diese Fragen geben. Im Deutschland des Jahres 2006 lässt sich aber nur sehr umständlich daran vorbeisehen, dass es staatliche Regelungen sind, die die Schwäche der Schwachen erst erzeugen, die sie zu Bittstellern machen, die Entscheidungen Anderer ausgesetzt sind, ohne darauf angemessen reagieren zu können.
Für mich gibt es übrigens, neben einem starken Drang nach geistiger Unabhängigkeit, einen wesentlichen Grund, warum ich zum Liberalismus keine Alternative sehe: Staatliches Handeln, das sich nicht auf Rahmensetzung beschränkt und diskretionär in Prozesse eingreift, erreicht höchstens zufällig die Ziele, die Gutmeinende oder volkswirtschaftliche Lehrbücher mit ihm verbinden. Selbst wenn wir die in einer Demokratie notwendigen Verzögerungen und Unvollkommenheiten des Entscheidungsverfahrens ausblenden (die in einer dynamischen Umwelt oft schon allein für Fehlsteuerungen verantwortlich sein müssen) und uns die Macht und Gewalt eines gutmeinenden Diktators vorstellen, muss dieser an der Komplexität des Systems scheitern. Dann verzichten wir noch auf die Annahme, dass das handelnde Personal altruistisch nur im Sinn der hoheitlichen Aufgabe tätig wird und bauen Eigeninteresse des Apparats ein, und unser Glaube an die Wirksamkeit und Wohltätigkeit staatlicher Maßnahmen ist endgültig dahin.
Eins noch:
"Deshalb ist, als weiterer liberaler Wert, ein praktischer und freiwilliger Gemeinsinn notwendig."
Ich glaube nicht, dass Gemeinsinn ein "liberaler Wert" ist. Ich glaube, dass Liberale hinsichtlich der Werteordnung des Einzelnen eher indifferent sind. Sie legen nur Wert darauf, dass durch dieUmsetzung der Werte Einzelner nicht die Freiheit Anderer gefährdet wird.
Ich stimme aber insoweit zu, als ich der Auffassung bin, dass eine freie Gesellschaft die beste Voraussetzung für so etwas wie Gemeinsinn ist. Wie sollte es auch anders sein? Es sei denn, man träumte von der Notkameradschaft des Schützengrabens wie so manche Ostalgiker.
"Sowas wie Chile."
Ganz großes Tennis, Dean. Das aus dem von dir aufgezählten "weniger" und "mehr" abzuleiten, ist wirklich allererste Sahne. Soll ich jetzt antworten, dass du "sowas wie die DDR" anstrebst? Pipifax.
"Und das dann als Begründund dafür, dass ein Sozialstaat ja eigentlich nicht notwendig sei. "
Schlimm, was? Nur eine kleine Anmerkung: Wer dieses Monstrum, das wir in Deutschland "Sozialstaat" nennen, für grundlegend falsch konstruiert hält, der muss nicht gegen soziale Absicherung sein. Aber das weißt du ja, dir geht es nur darum, wieder deinen Strohmann aufzubauen.
"der möge sich einfach mal fragen, wie weit 'freiwilliger Gemeinsinn' trägt."
Ja, ich lasse mir das gerne auf der Zunge zergehen. Also, die Menschen sind nicht willens, freiwillig Gemeinsinn zu zeigen, und deswegen muss sie jemand (wer eigentlich? und mit welchem Recht?) dazu zwingen? Interessant, den Gedanken könnte man fortführen. Es gibt sicher noch zig andere Dinge, die die Menschen auch nicht wollen und wozu man (wahrscheinlich die berühmte Avantgarde) sie zwingen könnte.
"Das heißt, keine mahnenden Zettel, keine Druckausübung auf einzelne Akteure - immer schön freiwillig und ganz ohne Regeln."
Richtig so. Setzen wir direkte soziale Interaktion mit obrigkeitsstaatlichem Zwang gleich, das adelt.
Wer in seiner gedanklichen Welt bevorzugt den Gegensatz zwischen einem Sozialstaat heutiger Prägung und der kapitalistischen Anarchie kennt, der ist natürlich ein Meister der Differenzierung. Ganz klar.
"An der Natur des Menschen"
Und wie ich aufgemerkt habe. Interessante ideologische Nachbarschaften tun sich da auf.
"das versagt nunmal auf gesamtstaatlicher Ebene"
Wer muss es denn da hintragen?
"Sorry, der Sozialstaat ist erstens demokratisch gerechtfertigt, zweitens eine Verfassungsnotwendigkeit"
"Demokratisch gerechtfertigt"? Ineffizienz? Unfreiheit? Machen wir uns nichts vor: Der "Sozialstaat" ist so konstruiert worden, dass über ein kompliziertes bürokratisches System den Menschen suggeriert wird, sie hätten einen Vorteil von ihrer eigenen Entmündigung.
"Verfassungsnotwendigkeit"? Jetzt erzähl mir bloß, die Autoren des GG hätten, angefangen bei der dynamischen Rente, die Auswüchse unseres Sozialstaats im Sinn gehabt, als sie vor dem Wort "Bundesstaat" das Adjektiv "sozial" einfügten.
"Man könnte das ökonometrisch ganz wunderbar modellieren. Sozusagen das, sorry, 'deutsche Gejaule' - und zwar aus Managerkreisen, sowie sein Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung."
Natürlich. Alles nur die Schlechtredner, die nicht rechnen können. Egal, wie die Rahmenbedingungen aussehen, ein wenig gute Laune und das Geld fremder Leute in die Hände genommen, und die Vollbeschäftigung ist "sischer". Na dann modellier mal. Dass Bofinger noch nicht auf die Idee gekommen ist...
Das alte Bastiatsche Thema: Was man sieht und was man nicht sieht.
Der deutsche Mittelstand (nur zur Erinnerung: das ist da, wo die Arbeitsplätze sind), der Arbeit ins Ausland verlagert oder auch ganz aufgibt, der jammert nicht. Dem sind die Aussagen irgendwelcher Angestellter in anderen Unternehmen egal. Der handelt einfach nach den Fakten. Und taucht nur dann in den Medien auf, wenn er Versuche unternimmt, Arbeitsplätze im angestammten deutschen Standort zu retten, weil das meist auf gewerkschaftlichen Widerstand stößt.
Ich greife zuerst einmal Dr. Deans Beispiel mit den Kaffeetassen auf [SCNR]: Es ist schon bezeichnend, welche Erfahrungen aus Ihrer eigenen Sozialisation Sie hier einbringen, aber ich muss Ihnen natürlich recht geben: Bei keinem meiner Besuchen in linken WGs war das Geschirr vernünftig abgewaschen :-)
Jetzt mal im Ernst: Sind Sie wirklich der Meinung, dass Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Selbständigkeit die Wurzel alles Bösen sind? Ich setze dagegen: es wird uns nichts anderes helfen. Es wird uns einfach deshalb nichts anderes helfen, weil in allen konkurrierenden Ländern nicht die Frage gestellt wird, warum man eine Arbeit nicht annehmen könnte, sondern wie sie am effizientesten verrichtet werden kann. Minister Müntefering denkt momentan darüber nach, immerhin zehn(!) Prozent der Arbeitsplätze für Erntehelfer in unserer Landwirtschaft wieder durch unsere eigenen Arbeitskräfte zu besetzen. Was fällt Ihnen zu dieser Nachricht ein? Ist das eine neoliberalkonservative Schikane oder ein vernünftiger Anfang?
Ist das Postulat, der Mensch sei im Grunde asozial, die soziale Atomisierung läge "in der Natur des Menschen", wie das Dr.Dean formuliert, nicht zutiefst pessimistisch und - ja - freiheitsfeindlich?
Menschen sind nicht ohne Zwang zu sozialem Handeln fähig und nicht ohne staatliche "Fürsorge" überlebensfähig?
Die Konsequenz ist nicht die Demokratie als Staatsform, sondern faschistischer oder sozialistischer Totalitarismus, der die Unmündigkeit perfektioniert ...
@joachim: Eine ähnliche Überlegung hatte ich auch im Hinterkopf, als ich die Zeilen aus dem "Faust" herausgesucht habe. Der Sozialismus unter anderem auch deshalb gescheitert, weil er es nicht geschafft hat, ein funktionierendes Leistungsprinzip zu integrieren und weil er den Bürgern einfach keine selbständige Handlungsweise zugestanden hat. In der Wendezeit gab es ja solche Überlegungen eines "dritten Weges": Sozialismus plus ein wenig Freiheit. Na ja, der Verlauf der Geschichte ist bekannt ...
Sie haben doch jetzt Sozialismus plus ein wenig Freiheit, dann passt das ja Oo
Liberalismus stelle ich mir aber anders vor, als nur wirtschaftliches Leistungsprinzip. Liberalismus ist auch Schutz des Eigentums und persönliche Freiheit (und zwar vollkommen) und genau hier unterscheidet sich ja auch die linken Ansichten des Herrn Dean und unsere. Für ihn gibt es nämlich scheinbar keine persönliche Freiheit, sondern nur die Freiheit des Kollektivs (wie auch immer das aussieht).
@Max: "Sozialismus plus ein wenig Freiheit": Ich möchte doch bitte dezidiert darauf hinweisen, dass ich aus Dresden (Sachsen) komme. Und nicht aus Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern :-)
Vermutlich kennt Dr. Dean diese "Freiheit des Kollektivs" nicht aus eigener Erfahrung. Ich schätze ihn nach seinem Blog eigentlich als einen (nach)denkenden Menschen ein. Vermutlich schätzt er die liberalen Grundfreiheiten insgeheim doch :-)
[thoughts in progress]: Ich denke gerade so über den Begriff "Leistungsliberalismus" nach, wobei ich als Leistung jede eigenständige, verantwortungsbewusste und nachhaltige Arbeit begreife. Wenn die Liberalen es wieder schaffen würden, in diesem Sinne die Leistungsträger an sich zu binden, dann könnten sie sich langfristig als drittstärkste Kraft halten. Ich stehe der Partei FDP nicht unkritisch gegenüber, aber welche Chance haben wir sonst?
Dieser "Leistungsliberalismus" escheint mir oft lediglich als Synonym für die protestantische Arbeitsethik gebraucht zu werden ... sicher ein Zugang zum Liberalismus. Aber nicht der Einzige. Die gern geforderte Konzentration auf die sog. "Leistungsträger" ist imho nicht nur deshalb so nicht richtig: das hat immer den Geruch von - oft aus dem Gefühl der politischen Isolierung geborener - elitärer Arroganz, der es den Feinden des Liberalismus leicht macht, diesen als "sozial kalt" zu denunzieren. Die Manchester-Liberalen haben vorgemacht, dass es auch anders geht.
@Dr.Dean
Die Welt hat sich seit dem viktorianischen Zeitalter weiterentwickelt.Manchesterliberale Ideen und Vorstellungen können nicht eins zu eins auf unsere heutige Situation übertragen werden. Dennoch musst auch du einsehen, dass der Manchesterkapitalismus (d.h. ihre Vertreter)nicht das war, worunter ihn die grosse Masse (oder die öffentliche Meinung)heute versteht. Noch schlimmer ist allerdings die falsche Verwendung in Fachbüchern. Kaum irgendwo werden die Verdienste hervorgehoben, sondern man begnügt sich damit, die elende Situation der arbeitenden Massen zu beschrieben. Genauso wird der Begriff Neoliberal heute falsch gebraucht.
Eine Ehrenrettung des Manchesterkapitalismus gibt es jetzt auch in meinem Weblog.
"Unter anderen daraus ergibt sich die Notwendigkeit zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft, eben, weil eine klug und vernünftig gestaltetete Demokratie gegen Machtmissbrauch wirkt."
Das könnte vielleicht das Wunschdenken sein, Dean, das uns grundlegend unterscheidet. Es gibt genug Beispiele, dass die Krücke Mehrheitsabstimmung gar nicht in der Lage ist, Präferenzen widerspruchsfrei in Entscheidungen umzusetzen. Außerdem ist auch Mehrheitsentscheid Machtausübung, nämlich der Mehrheit über die Minderheit. Im Gegensatz zu marktlicher Allokation ist die demokratische zudem ein Nullsummenspiel. Das mag für unteilbare öffentliche Güter angehen, für eine Seligsprechung des Verfahrens darüber hinaus reicht es nicht.
Da werden dann auch "Machtungleichgewichte" innerhalb demokratischer Verfahren, die mindestens ebenso entstehen wie bei Marktprozessen, weitaus problematischer, weil es eben keinen Wettbewerb von Staaten um ihre Bürger gibt bzw. nach allgemein akzeptierter Betrachtungsweise auch gar nicht geben darf.
Übrigens, Dean, verstehe ich nicht, warum du hier gegen Anarchokapitalismus predigst. Hast du dir einen Strohmann mitgebracht oder dich im Blog geirrt?
Demokratische Entscheidungen sind lediglich formal "legitimiert".
Für das Entstehen von Machtpositionen innerhalb demokratischer Verfahren brauche ich noch nicht einmal Einwirkungen böser Kapitalisten von außen anzunehmen. Innerhalb demokratischer Verfahren und Institutionen gibt es genug Gründe für das Entstehen von Macht, m.E. mehr als bei Märkten, weil gerade das Mehrheitsprinzip die Bildung von Oligopolen und/oder Kartellen geradezu erfordert. Hinzu kommt die Aussicht, sich zur Durchsetzung eigener Interessen hoheitlicher Instrumente bedienen zu können.
Demokratische Entscheidungen scheinen mir doch deutlich weniger revidierbar als auf Verträgen beruhende Marktprozesse. Das ist zum einen in der Natur der Sache begründet (Planungssicherheit, Vertrauensschutz), zum anderen aber auch der von einer nach Macht strebenden Exekutive geförderten Tendenz zur Bürokratisierung geschuldet. Es gibt wenig Dinge auf dieser Welt, auf die man sich so verlassen kann, wie den stetigen Anstieg der Zahl der Gesetze.
"Weniger Staat" mag auch aus Sicht von Liberalen kein hinreichendes Mittel sein, um gegenwärtige Probleme in den Griff zu bekommen. Aber ein notwendiges. Und gerade weil es eben keine Beharrungs-, sondern Expansionskräfte sind, die diesem Ansinnen entgegenstehen, kann man es nicht deutlich und entschieden genug artikulieren.
Ich weiß nicht, Dean, was dich in dieser durch und durch sozialdemokratisch geprägten Wirklichkeit (zumindest in Deutschland) veranlasst, vor "grundnaivem Anarchokapitalismus" zu warnen. Der kleine Haufen Libertärer in der FDP, dessen erster Versuch als Plattform schon einmal gescheitert ist, kann es doch wohl nicht sein. Ich bin an deiner Seite in der Auseinandersetzung mit den Anarchokapitalisten, wenn wir uns auf einen Staatsanteil von 30% zubewegen. Solange er weiter wächst oder auf seinem hohen Niveau verharrt, lausche ich ihnen aber sehr gerne.
"Zweifellos wird die Konkurrenz durch die Globalisierung immer härter."
wir in unserer unerschöpflichen weisheit sind da überfordert. wir wissen ja, dass ordnungspolitik jezz in göttlichen regionen angesetzt wird die wegen des wahren edlen und in aussicht auf das paradies nich mehr teil der argumentation sind sondern wie im iran teil der schöpfung.
@Dean
"Mises war in nationalökonomischer Hinsicht in seiner tiefen Verachtung gegenüber jeglicher Empirie kein Wissenschaftler."
Würde ich nicht gerade sagen. Mathematiker müssen ja auch keine Empiriker sein um als Wissenschaftler durchgehen zu können.
Man kann Mises Ansatz Ökonomie rein theoretisch darzustellen kritisieren, solange sich seine Vorhersagen bisher immer bewahrheitet haben, wäre ich mit Ideologievorwürfen eher vorsichtig. Ich würde eher sagen er war standfest.
"Punkt. Er war Ideologe"
Klar doch, Dean der große Mises-Kenner.
"und genauso wird er heutzutage von interessierten Kreisen auch genutzt, zum Beispiel zur Verteidigung ökonomischer Monopole an Stelle eines Leistungswettbewerbs, der deutlich unangenehmer ist."
Das ist Unsinn. Ich kenne recht wenig Monopolisten, die sich auf Mises beziehen und wie ich schon in meinem vorherigen Kommentar andeutete, sind interessierte Kreise wie die Miseaner eher der Meinung daß der Leistungswettbewerb des freien Marktes die effektivste Möglichkeit ist Monopole zu bekämpfen. Ich hatte nicht geschrieben daß diese Leute Monopole besonders toll finden.
Ich fürchte du mißverstehst da etwas ganz gewaltig.
"...daß der Leistungswettbewerb des freien Marktes die effektivste Möglichkeit ist Monopole zu bekämpfen."
Nur besteht das Problem des freien Marktes doch vor allem darin, dass er ein theoretisches Konstrukt ist. Und die Prämissen dieses Konstrukts sind zweifelhaft: vollkommene Transparenz der Informationen, keine Markteintritts- und Austrittsbarrieren, unendlich geringe Reaktionszeiten der Marktteilnehmer sowie deren rationales Entscheidungskalkül - was immer rational auch heissen mag.
Wichtiger erscheint mir aber noch eine weitere Voraussetzung: die der vollkommen atomisierten Anbieter und Nachfragerstruktur. Allein diese Voraussetzung ist schon mit dem Bestehen eines Monopols nicht mehr gegeben. Dann aber auf der Grundlage des Konstrukts "freier Markt" zu räsonieren, dass dieser am effizientesten zur Beseitigung des Monopols fähig ist - selbst aus einem wohlmeinenden Blickwinkel erscheint mir das ungeheuer abenteuerlich, weil das Modell hier seine eigenen Voraussetzungen ignoriert.
Tatsache ist, dass eine Theorie des freien Marktes so unreale Vorbedingungen hat, dass jede Argumentation über die Wirkung der Theorie hypothetisch bleiben muss. Denn den freien Markt wird, kann es nicht geben, er wird sich daher nie an seiner Realität messen lassen müssen. Popper würde sagen: die Theorie des "Freien Marktes" ist nicht falsifizierbar und damit ungefähr so hilfreich und streitbar wie der Glaube, das es der liebe Gott schon richten würde.
Beste Grüße,
Jan.
Ein Markt muss nicht im Sinne der modellhaften Anforderungen perfekt sein, um hinreichend zu funktionieren.
Was z.B. in der neoklassischen (Erinnerung: "neo" ist das lateinische Wort für "böse") Theorie beschrieben wird, erhebt nicht den Anspruch, Wirklichkeit zu beschreiben, sondern dient dazu, zu Wenn-Dann-Aussagen zu gelangen.
Dass es zur Bildung von Monopolen und Oligopolen auch ganz ohne staatliche Unterstützung (wiewohl diese sich meist als hilfreich erweist) kommt, ist nicht nur offensichtlich, sondern wird in der betriebswirtschaftlichen Literatur und Praxis als Strategie sogar offen empfohlen bzw. angestrebt. Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang, dass die Grundannahmen von Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre hinsichtlich der Entwicklung der Grenzkosten total voneinander abweichen. Gehen wir von nicht von sinkenden, sondern, wie von der berühmten Lernkurve propagiert und in der Management-Literatur nur allzugerne geglaubt, von steigenden Skalenerträgen aus, dann ist der Trend zur Konzentration aus dem System heraus kaum aufzuhalten. Zur Erklärung der Entstehung von Mono- und Oligopolen reicht es schon völlig aus, wenn diese Annahme falsch ist, von den handelnden Akteuren aber geglaubt wird. Halten tun sich diese Gebilde dann in der Regel über die Ausübung von Macht durch schiere Größe und die Zusammenarbeit mit den politischen Spitzen, die sich immer freuen, wenn die Liste ihrer Ansprechpartner übersichtlich ist.
Nochmal: Lesen. Und verstehen (wollen).
Ich beschreibe oben, warum es meiner Ansicht nach eine Tendenz zu Monopolen gibt (wegen steigender Skalenerträge oder zumindest dem Glauben daran). Ich erwähne, warum sich diese Gebilde dann auch halten können, wenn diese Annahme doch falsch war.
Dass du anscheinend völlig übersiehst, welch wichtige Rolle steigende Skalenerträge bei der Marktzutrittsbeschränkung haben, ist eine Sache. Aber dann vollmundig zu behaupten, das Gegenteil wäre der Fall, das ist peinlich.
Davon gehe ich auch aus. Daher wundere ich mich, dass du etwas gegen meine Herleitung hast.