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Samstag, 28.01.2006

Karikaturen

Die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten und in einigen Blogs hat eine Diskussion über Toleranz hervorgerufen. Aber hilft uns eine Diskussion über Toleranz wirklich weiter? Oder sollten wir nicht eher eine Diskussion über Angemessenheit führen?

Ich will das Recht auf die satirische Darstellung religiöser Themen nicht abschaffen oder beschneiden. Die Frage ist aber, ob wir in jedem Fall darauf bestehen müssen, dieses Recht auch zu nutzen.

Satire muss nicht unbedingt eingesetzt werden, wenn man bereits vorhersehen kann, dass sie zu einer Eskalation des Konflikts führt. Und wenn sie den Staat zur Anwendung von Maßnahmen zwingt, die sonst nicht notwendig gewesen wären. Ich finde es richtig und notwendig, dass islamkritische Buchautoren Schutz erhalten, wenn sie durch Fanatiker verfolgt werden. Aber ich frage mich, ob man gewaltsame Reaktionen wegen dieser -- doch recht banalen -- Karikaturen riskieren muss.

Spricht man mit Sicherheitsleuten, kommt man schnell zu einem ganz wichtigen Prinzip: das ist die Deeskalation. Damit ist nicht die Deeskalation durch Zurückweichen oder Wegsehen gemeint. Sie beherrschen ihre Werkzeuge und wissen sehr gut, welches Werkzeug zu welchem Zeitpunkt angemessen ist. Aber sie stehen für Deeskalation, solange man vermeiden kann, dass ein gewaltsamer Konflikt ausgetragen werden muss.

Ich denke, die Presse hätte sehr viele Möglichkeiten, über die Verletzungen der Menschenrechte und Grundrechte zu schreiben. Über das mittelalterliche Rechtssystem in einigen islamischen Staaten und über den unseligen Einfluss religiöser Eiferer. Über Steinigungen, Vergewaltigungen und öffentliche Hinrichtungen. Und über vieles mehr. Dafür könnte ich gern auf die eine oder andere Karikatur verzichten ?

Ich denke, dass wir gerade in einer globalisierten Welt das oben beschriebene Prinzip der Deeskalation anwenden sollten. Wenn die Kernpunkte unserer Grundrechte angegriffen werden, müssen wir natürlich handeln. Aber wir müssen auch nicht jede Möglichkeit der Meinungsfreiheit ausreizen, wenn wir dadurch Gewaltreaktionen provozieren.


Kommentare

Stefan - es geht hier um DEN Kernpunkt unserer Grundrechte: Freedom of Expression. Das erste Recht, das in der Aufklärung erkämpft wurde.

Zweifellos. Und ich habe zu keinem Zeitpunkt etwas gegen diesen Kernpunkt gesagt. Aber ich habe mich in diesem Beitrag gefragt, wie wir mit diesem Recht /umgehen/. Freedom of Expression brauchen wir jeden Tag:
- zur Abwehr von Extremisten,
- gegenüber religiösen Fanatikern,
- gegenüber unserer eigenen Regierung,
- gegenüber den befreundeten Regierungen.

Wenn Du den Artikel genau liest: ich bin auch für die Durchsetzung dieses Rechts, wenn fundierte Bücher über diese Themen geschrieben werden. Nur die Sinnhaftigkeit der abgebildeten Karikaturen sehe ich nicht ganz ein. Und wenn Du schon eine Weile hier liest, dann weißt Du sicher, dass ich auch mit Karrikaturen über den christlichen Gott oder christliche Themen sehr differenziert umgehe. Auch da versuche ich, meine Meinungsfreiheit etwas anders zu nutzen.

Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass wir in diesem Blog so diskutieren können, ohne dass eine Gesinnungspolizei, Stasi oder Gestapo schon vor der Tür lauert.

Eine erfolgreiche Woche und bis bald :-)

Was die berüchtigten Mohammed-Karikaturen betrifft: Ich finde es immer noch widersinnig, wenn ein mittelalterliches Regime bestimmen soll, was in einer dänischen Zeitung geschrieben geschweige denn gezeichnet werden darf.

Es muß betont werden, daß die Sache eskalierte, da hier ansässige Moslems nach ihren "Heimatländern" reisten mit der bewussten Absicht, dort Ärgernis zu erregen. Mit sich hatten diese Repräsentanten dänischer Moslems auch obszöne Bilder und Zeichungen, die überhaupt nicht veröffentlicht wurden - es waren selbstproduzierte Fälschungen.

Sollte man so was einkalkulieren in einer freien Presse?

Die Hauptsache ist meines Erachtens nicht die Zeichungen an sich, sondern das bewusste Anfeuern zu Konflikt seitens dänischer Moslems.

Stefan,

ist es nicht so, daß man sich die Spielräume für freie Meinungsäußerung historisch gerade auch durch Satire erkämpft hat? Das fing bei uns vielleicht schon mit den Dunkelmännerbriefen an und endete mit den spaßigeren, undogmatischeren 68ern. Stets wurden dogmatische, ideologische oder religiöse Überempfindlichkeiten abgebaut, indem man die Leute dazu gebracht hat, darüber zu lachen.

Ich denke, dieser Prozeß ist wichtig: Denk- und Sprechverbote abzubauen, indem man satirisch zeigt, wie albern diese Verbote sind. Aber diese Denk- und Sprechverbote sind eben nicht unbedingt formal irgendwo niedergeschrieben, sondern werden oft informell durchgesetzt. Daran arbeiten die überempfindlichen Radikal-Muslime ja auch gerade wieder in Dänemark -- an der rein informellen Durchsetzung von Sprechverboten, sei es durch diplomatischen Druck oder durch Morddrohungen. Und wenn Satire diesen religiösen Anspruch, die öffentliche Diskussion zu begrenzen, unterhöhlt, dann ist das eine wunderbare Sache, finde ich.

Wenn ich für einen vorsichtigen und respektvollen Umgang mit fremden Religionen plädiere, dann möchte ich doch damit keine Rechte beschneiden. Ich denke nur über deren /Nutzung/ nach.

Die Rolle der Satire bei der Entwicklung der Demokratie in Deutschland kann ich anerkennen. Aber das war auch nur im Verlaufe der Aufklärung und auf der Basis eines relativ gut entwickelten Rechtsstaats möglich.

Aufgeklärte Muslime haben wir eben leider nicht überall. Und wenn ich mir der Wichtigkeit Mohammeds für mehr als eine Milliarde Gläubige bewusst bin, kann ich mich doch selbst in meiner Meinungsfreiheit etwas zurücknehmen. Ich weiß,
dass ich viele Rechte habe, aber ich muss sie nicht ausreizen. Was mich nicht daran hindert, explizit für die freie und ungehinderte Darstellung anderer Probleme einzutreten. Karrikaturen des aktuellen iranischen Präsidenten oder der Ajatollahs finde ich z.B. wiederum angemessen, denn da geht es nur um ganz 'normale' Menschen.

Hmm, ich glaube, wir sind uns hier über den kausalen Zusammenhang zwischen Aufklärung und Satire nicht ganz einig. Ich glaube nicht, daß Aufklärung eine Voraussetzung für Satire ist, sondern daß es eher umgekehrt läuft. Satire höhlt scheinbar unantastbare Tabus aus und sorgt damit erst dafür, daß (informelle) Denk- und Schreibverbote abbröckeln. Ich würde Satire also für eine Voraussetzung von Aufklärung halten, nicht umgekehrt.

"Ich weiß, dass ich viele Rechte habe, aber ich muss sie nicht ausreizen. "

Muss ich nicht. Aber wenn ich mich deswegen beschränke, weil mir nach der Wahrnehmung meiner Rechte Gewalt angedroht wird, dann ist etwas faul. Nicht nur im Staate Dänemark.

Und wenn das aufzudecken der einzige Sinn der Aktion war, die, darauf können wir uns einigen, sonst überflüssig wäre, dann war sie überfällig.

hi, habe die aktion der zeitungen und die reaktionen verfolgt und muss sagen: völlig übertrieben beiderseits!
aber die frage ist doch wenn eine zeitung nicht mehr schreiben darf was sie will, wenn menschen wegen ihrer meinungsäußerng bedroht werden... möchte ich an die zeit von '45 erinnern.
fanatische menschen die anderen schaden zufügen, verärgerung und religion(sfreiheit) i allen ehren aber soweit darf es nicht kommen!
und gerade mit solchen reaktionen schüren die muslimen doch geraden den hass und spielen ganz bestimmten politischen blöcken in die hände!
mfg

ach aj ich möchte auch nur ganz kurz an den jungen mann erinnern der kurz nach dem ausscheiden der türkei diese "danke schweiz t-shirts" verkauft hat.

der wurde dank impressum von 5 türken(polizeilich festgehalten!) aufgesucht und zusammengeschlagen!
dagegen muss was getan werden, außerdem wenn jemand im ausland unsere fahne verbrennen würde, würden wir gleich alle ausländer boykottieren und (eu botschaft in palästina) mit waffen bedrohen?

nein und genau da liegt der unterschied zwischen morgen-und abendland.

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